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Der Ernstfall >

Das Licht fällt aus. Sie stehen in einem fremden Haus. Sie suchen den Ausgang, die Toilette, Raum 12. Sie sehen nichts. Die meisten Leitsysteme sind in diesem Moment nur noch Dekoration, weil sie ausschließlich zu den Augen sprechen. Für Sie ein Ausnahmezustand.

> Hier ist er der Alltag.

Am Betty-Hirsch-Schulzentrum der Nikolauspflege beginnt so jeder Schultag. Hier lernen blinde, und sehbehinderte Kinder, und Kinder, die Reize anders verarbeiten — etwa bei ADS. Wir haben ein Leitsystem gebaut, das ohne Augen funktioniert. Nicht trotzdem. Sondern weil es nie mit ihnen gerechnet hat. (Nebenbei: Es hat dafür den IIID Award geholt. Mehr dazu unten.)

Ein Schild, das man nur sehen kann, >

Deshalb steht im Regelwerk das Zwei-Sinne-Prinzip. Jede wichtige Information muss über zwei Sinne ankommen. Sehen und Hören, oder Sehen und Tasten.

> ist ein Gerücht.

Wir nennen unser Prinzip »eines für alle«: ein einziges System für blinde, sehbehinderte, sehende und neurodivergente Menschen. Gleichzeitig. Nicht als drei Systeme nebeneinander. Fassen, fühlen, sehen und die Orientierung behalten, auch bei zu vielen Reizen.

Nicht barrierefrei, >

Barrierefrei heißt oft: harte Kontraste, starres Raster, eingesperrte Kreativität. Das funktioniert für Menschen mit einer Einschränkung, und es bleibt kalt und distanziert für alle anderen.

sondern für alle.

Barrierefreiheit ist kein Tausch von »normal« gegen »nicht normal«. Sie geht eine Ebene höher. Als System, das für unterschiedliche Augen, Hände und Aufmerksamkeitsspannen funktioniert, gestaltet, gemessen und getestet ist. Übrigens: In der DIN 18040 steht, dass Werbung Orientierungs-Informationen nicht überlagern darf. Ein Satz, den man Bauherren manchmal vorlesen muss.

> Und was hat das mit Ihrem Haus zu tun?

Alles. Auch wenn bei Ihnen niemand blind ist. Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, kurz BFSG. Das ist die deutsche Fassung einer EU-Richtlinie und verpflichtet zu barrierefreien Produkten und Dienstleistungen: Webseiten, Apps, Automaten, Terminals.

Das Gesetz ist nur die halbe Geschichte.

Vom Automaten in Ihrem Foyer, bis zum Lageplan und Ihrer Website ist hier alles beschrieben. Für das Gebäude selbst gelten die Landesbauordnungen und die DIN 18040. Und die ist deutlich: Was warnt, orientiert oder leitet, muss auch für Menschen mit eingeschränkten Sinnen taugen. Wie das geht, sagen weitere Normen. DIN 32975 für Kontraste, DIN 32984 für Bodenindikatoren, DIN 32986 für tastbare Schrift, DIN 32989 für Tastpläne. Und die DIN 18040 soll an die europäische Norm DIN EN 17210 angepasst werden. Die Richtung ist eindeutig. Zurück ging es noch nie. Dazu kommt etwas, das in keinem Gesetz steht: Wir werden älter, und Sehen, Hören und Aufmerksamkeit lassen irgendwann nach. Bei allen. Ein Leitsystem hängt 15 Jahre an der Wand. Normen ändern sich schneller. Also planen wir seit dem Gesetz jedes System für die Anforderung von morgen — Schule, Klinik, Museum oder Verwaltung. Nachrüsten ist teuer. Vorher denken kostet ein Gespräch.

Andere Regler, >

Eine Schule für blinde Kinder braucht Tasten und Ruhe. Eine Klinik braucht Klarheit unter Stress. Ein Museum braucht wenig Text und viele Sprachen. Ein Amt braucht Menschen, die zum ersten und letzten Mal da sind.

> gleiches Mischpult.

Die Regler stehen jedes Mal anders. Die Kanäle sind immer dieselben: Wer kommt hier an? Was kann dieser Mensch gerade? Welcher Sinn ist frei? Und was passiert, wenn dieser Sinn ausfällt? Vier Fragen. Jedes Projekt. Immer zuerst.

Unser Auge ist >

Ein gesundes Auge weiß nicht, was ein sehbehindertes sieht, und ein Nervensystem ohne Reizfilter-Problem weiß nicht, wie laut ein Flur sein kann. Und jetzt kommt der unangenehme Teil: Jahre Erfahrung als Designer helfen hier nicht. Sie stören sogar, denn »so machen wir das immer« ist hier genau das Problem. Also haben wir aufgehört zu schätzen.

> ein schlechter Gutachter.

Kontraste haben wir gemessen. Nicht angeschaut. Auch nicht am Rechner. Rechenwerte kennen das Licht im Flur nicht. Nicht im Januar um acht. Nicht im Juni um vier. Sie kennen auch den Blickwinkel nicht: aus dem Rollstuhl, im schmalen Gang, von unten. Kontrastwerte am Bildschirm sind wie Kochen nach Foto. Sieht gut aus. Sagt nichts über den Geschmack. Also: Messgerät, vor Ort, im echten Licht, und jedes Bauteil einzeln. Zum Leiten braucht es einen Leuchtdichtekontrast von 0,4, zum Warnen 0,7. Und ein Farbkontrast zählt dabei nicht mit. Das ist der Fehler, den fast alle machen.

Gestaltung kann wehtun. >

Feine Streifen und harte Achsen können bei photosensitiver Epilepsie Schwindel auslösen, und zu viele bewegte Elemente überfordern die Aufmerksamkeit. Wo ist die Mitte? Wo hört das Schild auf? Wo ist oben?

> Wir haben gefragt,

statt zu vermuten. Lehrkräfte, Fachkräfte, Schülerinnen und Schüler — also die Menschen, die diese Flure täglich gehen. Die Norm empfiehlt diese Beteiligung ausdrücklich, und sie finden Dinge, die kein Messgerät jemals findet.

Ein bisschen >

Die Raum- und Klassenschilder waren die härteste Nuss. Sie sollen lesbar sein, tastbar, greifbar, robust und leise: fünf Anforderungen in einem einzigen Objekt.

> Daniel Düsentrieb.

Es gab nichts auf dem Markt, das das kann. Also haben wir es erfunden: die Barrierefreie Box. Drin sind Kabel, ein Flaschenzug, Gummistopper, Holz und Lärmschutz. Ja, ein Flaschenzug an einem Türschild. Sehen Sie selbst.

Ausgezeichnet. >

Der IIID Award: die internationale Auszeichnung für Informationsdesign.

> Und zwar wörtlich.

Ein zweiter Preis ist uns schon sicher. Verraten dürfen wir ihn erst im November, nach der Verleihung. Auch wir brauchen hier Geduld. Pressebilder in hoher Auflösung: Achim.Bremaier@typenraum.com

Reden wir, >

Sie bauen neu oder Sie sanieren? Dann steht diese Frage sowieso schon im Raum. Danach an der Wand zu korrigieren, ist teuer. Vorher darüber zu reden, ist ein Termin.

> bevor die Schilder hängen.

be brave: connect your intentions